China-Reise

Deissler in China
 

Tag 13: Domestizierte Langeweile

Die zunächst willkommene und dann hingenommene Ruhe schlug heute in kalte Langeweile um. Etwas fiebrig und geschwächt wachte ich auf, weshalb ich die Morgenstunden mit einer weiteren ausgiebigen Runde Pokemon verlebte. Als dann Kais Entourage (KE) um 11:00 Uhr überraschend erneut vor der Tür stand, brachen wir eilends in die Stadt auf. Dort wollten wir in dem nun vierten oder fünften Einkaufszentrum (ich habe aufgehört, mitzuzählen) eines meiner chinesischen Lieblingsgerichte verkosten: Ma La Tang. Hierbei sucht man sich aus verschiedenen Töpfen eigenständig jene frischen Zutaten aus, die daraufhin in einem Topf mit scharfer Soße gedünstet werden. Einmal mehr ein Gericht, das trotz oder gerade wegen seiner Simplizität unglaubliche Geschmacksnoten entfaltet. Randnote: Ich lud meine Metallschüssel fast bis zum Rand voll. Kai musste trotzdem nochmals nachfüllen, da die Mindestverzehrmenge von 10 Yuan qua des zu niedrigen Gewichts nicht erfüllt wurde. Für Vegetarier, die eine Chinareise anstreben, die perfekte Alternative.

Das minimalistische "Restaurant" war Teil eines riesigen Food Courts, innerhalb dessen u.a.auch chinesischer "Döner" angeboten wurde. Auch darauf hatte ich seit Beginn der Reise im Stillen gehofft. Es gibt ihn also tatsächlich:

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Ihr müsst dazu wissen: Ich bin jetzt ein Geschäftsmann und unentwegt darauf bedacht, in Daqing "große Geschäfte" abzuschließen. Die dafür eingerichten Distrikte (Toiletten) sind - im Gegensatz zu Peking - jedoch nicht auf westliches Sitzfleisch eingerichtet. Um die Infektionsgefahr zu verringern stehen neben Pissoirs auf den Herrenklos nur abriegelbare "Plumpsklos" zur Verfügung: in den Boden eingelassene Löcher, über die man sich hockend beugt, um der Natur ihren Lauf zu lassen. Genau diese Natur meldete sich bei mir in den Mittagsstunden mit Nachdruck. Wohl die Rache für die scharfe Kost der letzten Tage. In Ermangelung einer öffentlichen Alternative kehrten wir daher früher als geplant nach Hause zurück, wo ich mich nach verrichtem Vollzug zunächst ins Bett legte. KE war ja nun wieder im Haus und das Abendessen würde noch Stunden auf sich warten lassen.

Nach der Mittagsruhe gingen Kai und ich am nahegelegenen See spazieren. So mild war es die gesamten letzten Tage nicht, weshalb wir eineinhalb Stunden an der Promenade zubrachten. Es ärgert mich nun, den Fotoapparat zu Hause gelassen zu haben. Neben schönen Motiven des Sonnenuntergangs, der sich in den überall befindlichen Hochausglasfassaden romantisch spiegelte, fanden wir einen kleinen "Bauernmarkt" (der Ort war eine Straßenkreuzung, die Waren lagen auf dem Asphalt) und: wir wurden von einem professionellen Fotographen der Stadt abgelichtet. Panda und so weiter. Ich kann das Wort "deguo" (Deutschland, Deutscher, Deutsch) nicht mehr hören. Jeder fragt unentwegt, wo der Ausländer herkäme, und obwohl fast alle sehr freundlich sind, macht sich die Abwesenheit anderer Westler doch deutlich bemerkbar. Daqing ist ein zu groß geratenes Dorf.

Das Abendessen war einmal mehr formidabel. Danach spielten wir noch ein wenig mit Yitong. Sie war kurz vor Aufbruch von KE plötzlich verzückt von der Apfelweindose, die ich Kais Schwager mitgebracht hatte:

Ihr "schmeckte" es deutlich besser, als KE, die allesamt einen Schluck des hessischen Saugesöffs kosten wollten. Sie stimmten mit mir darin überein, dass Bier um Welten besser ist.

(Bääääääääääääääh: Yitong lässt sich von mir nicht auf den Arm nehmen [süße Doppeldeutigkeit])

Das letzte Abendmahl:

Tschüs, Daqing. Es war eine interessante Erfahrung, vermissen werde ich außer Kai jedoch nur das Essen. Peking bot zwar mehr Unterhaltung, war dafür jedoch wesentlich schmutziger und bis in die Ritzen versifft. Allen voran die Luft, dank derer eine Zigarette wie ein Beatmungsgerät anmutet. Kais Familie - die sich dankenswerter Weise auch am fünften Tag in Folge bei Schwester und Schwager eingefunden hat- war gleichsam so freundlich, wie in den vorherigen Tagen ausgiebig beschrieben. Freue mich, sie in Deutschland zum Piju picheln einladen zu können.

 

Tag 12: Abflugstimmung

Heute trat schließlich der Moment ein, auf den ich schon seit 11 Tagen gewartet habe: ich hatte von jetzt auf gleich keinen Bock mehr. Einen Auslöser gab es dafür nicht. Ich bin der Reise einfach überdrüssig, ohne direkt Heimweh zu haben oder direkt zum Flughafen zu wollen. Da der Abflug nun aber tatsächlich nur noch schrecklich wenige Stunden von uns entfernt liegt, gibt es keinen Grund, sich zu beklagen. Der eine Zusatztag in Daqing fehlt uns im nachhinein für Peking dennoch schmerzlich.

Am frühen Vormittag kamen Eltern, Schwester und Schwager (ab jetzt nur noch Kais Entourage - KE - genannt), da wir mit Yitong ein bisschen spazieren gehen wollten und es zum Mittag Hausmannskost geben sollte. Dazu gleich mehr. Denn obwohl ich Yitongs überdimensionales Elektronikkart, mit dem wir auf "Spazierfahrt gingen", schon kannte, klappte mir die Kinnlade runter, als ich das Teil in Aktion sah:

Es leuchtet, piept, spielt Lieder, hat einen "Zündschlüssel" mit originalem Anlassersound. Und fahren tut es ferngesteuert auch. Yitong wurde damit zum Blickfang der passierenden Bauarbeiter, Nachbarn und anderen Eltern. Junge, Junge, die kleine Prinzessin wird wirklich verwöhnt.

Das Mittagessen schmeckte mir einmal mehr so gut, dass die Eltern kurzerhand beschlossen, den ganzen Nachmittag zu bleiben und auch am Abend für mich zu kochen. Natürlich machte das nichts und auch die Abendspeisen waren vorzüglich, sogar noch besser. Manchmal fürchte ich fast, KE könnte sich veräppelt vorkommen, weil ich unablässig das Essen in höchsten Tönen lobe. Im Mindesten müssen sie denken, dass es in Deutschland nichts zu Futtern gäbe.

Eine Schattenseite bestand jedoch darin, dass Yitong - wie angerissen - seit einigen Tagen vor sich hin kränkelt und peu a peu auch die Erwachsenen angesteckt hat. Nun hüstelt und schnüpfelt KE fröhlich vor sich hin , natürlich nichtsdestoweniger im Gemeinschaftsessen mit den Stäbchen herumstocherend. Der Kleinen, die trotz ihrer regelmäßigen Hatschis aufs Essen natürlich auf dem Schoß der Mutter/Schwester am Tisch Platz nimmt, nähere ich mich nur noch auf fünf Metern.

Für Virenphobiker wie mich ist China ohnehin eine Belastungsprobe. Die Endausläufer meiner letztmonatigen Erkältung brachte ich mit nach Peking, dort musste ich mir täglich mehrmals mit fünf anderen einen Quadratmeter in der U-Bahn teilen, dann folgte der Kälteschock der Nordostprovinz und als ich diesen überstanden glaubte, wurde die kleine Dicke plötzlich krank. Na gut, wenn die Pekinger Flughafenbehörden mich nicht in Ebola-Vorsorge-Quarantäne stecken, werde ich wohl glimpflich davon kommen.

Obwohl es in Daqing schon noch ein, zwei, mit viel gutem Willen sogar drei Dinge zu sehen gibt, habe ich - wie oben beschrieben - einfach keine Lust mehr. Die Omnipräsenz von KE kommt mir daher fast gelegen. Wir setzten uns in den Mittagsstunden in die Stadt ab, um ein weiteres Modellauto für meinen Papa zu erstehen: viel größer und schöner und zum selben Preis, wie das Modell aus Peking. (Entdeckt hatten wir den VW-Beetle schon vor drei Tagen, allein ob der Platz im Koffer reichen würde musste erst eruiert werden.) Nachdem das geschafft war folgte ein Abstecher in die Arcade-Spielhalle, auf die ich wegen zu großen Andrangs jedoch keine Lust mehr verspürte. Ich bat Kai daher, mich in ein Cafe zu setzen, für mich einen Cappucino zu bestellen und eine Stunde im Warmen (es ist in den Innenräumen immer noch entsetzlich kalt, die Heizung springt - welch Ironie - erst am 06.10. an) Pokemon Rot auf dem Game Boy spielen zu lassen. Gesagt, getan. Danach flanierten wir noch kurz über den Vorplatz des Wanda-Plaza-Einkaufsmolochs, wo zu guter letzt das Bild des Tages entstand:

Endlich! Darauf hatte ich insgeheim seit Beginn der Reise gehofft. Bayern- und DFB-Fanartikel habe ich in beiden Städten vereinzelt erblickt. Aber diesen nordostchinesischen BVB-Fan widme ich ganz alleine Luki. Für das Foto musste ich ihm 10 Meter hinterher laufen, dann auf die zu langsame, weil von meiner plötzlichen Agitiliät überraschte, Kai warten, die ihm schließlich sinngemäß "Der Depp ist aus Deutschland, lass ihn mal machen" erklärte. Bis er dann endlich das BVB-Emblem auf dem linken Ärmel zeigte, vergingen abermals peinliche Sekunden für beide Seiten. Sein verschmitztes Lächeln KANN nur eine fälschliche Momentaufnahme sein, denn in Wahrheit war ihm (und seiner Freundin) die Situation wohl ziemlich unangenehm. Anderseits glotzen mich die Daqinger nach wie vor wie einen pink-gelben Panda mit Hawaiihut an. Da kann man den Spieß auch mal umdrehen.

Realistisch betrachtet stehen jetzt noch (egal, was angeboten wird) zwei Festessen und vier bis fünf Stunden Pokemon Rot auf dem Reiseplan. Ich danke daher jetzt schon allen, die den Blog verfolgt haben und mir in den schwierigen Phasen das Gefühl gaben, nicht vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. (Bevor ich dieses Gefühl plötzlich für drei Tage zu lieben lernte.) Eine schöne Erinnerung für mich selbst ist dieses Reisetagebuch in jedem Fall. Nicht wahr, Frank?

Tag 11: Heimat braucht Bier

Ein weiterer ereignisarmer Tag liegt hinter uns. Auf meinen ausdrücklichen Wunsch, wohlbemerkt. Ich erreiche eine Sphäre der Tiefenentspannung wie lange nicht mehr und fühle mich aufgrund der zeitlichen, räumlichen und sozialen Distanz zu Deutschland wunderbar entrückt. Abgesehen von der Daqing-Kulturschock-Phase hatte ich übrigens auch nie Heimweh. Selbst bei Popelreisen nach Polen, Helsinki und Marseille war das nicht so.

Nun gut, trotzdem gibt es ein paar Bonmots nach Deutschland zu entsenden. Nach dem Aufstehen machten wir uns auf dem Weg zur größten Bankzentrale der Stadt, hoffend, dort mein 2.000-Yuan-Geschenk in Euro umtauschen zu können. Leider hatten sie nach eigener Auskunft nur 500-EUR-Noten vorrätig. Kai wechselt das Geld erst zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr.

Durch den Abstecher landeten wir jedoch in einem neuen Abschnitt der Stadt und passierten schon auf der Hinfahrt ein Lizenzrestaurant der westlichen Kette "Golden Hans".

Es befindet sich in einem weiteren - dem nun mehr dritten - riesigem Einkaufskomplex, indem neben einem amerikanischen Wal Mart viele andere westliche Unternehmen ihre Zelte aufgeschlagen haben. Besonders lustig nahm sich eine "Wiener"-Konditorei aus, in der wir einen Kaffee tranken (guter Gott, ist der hier gesüßt) und währendessen einen Blick durch die Glasscheiben in die Backstube werfen durften. Dort verzierten sie allem Anschein nach gerade eine "Tittentorte":

Ich bin der letzte, der bestreiten würde, dass mein Humor seit jeher kindisch, albern und infantil ist. Aber das... hierfür wurde wohl das Internet-Akronym LOL erfunden.

Damit der Absurditäten noch nicht genug, hatten wir den Komplex doch überhaupt nur deswegen betreten, um uns den "Golden Hans" näher anzuschauen. Im dritten Stock wurden wir schließlich fündig. Ich denke, die Bilder sprechen für sich:

(Hopfen und Malz - Gott erhalt's)

(Bier braucht Heimat, Heimat braucht Bier)

Mit diesen Werbetafeln wirbt das Restaurant an seinen Fassaden. Wer darinnen jedoch Saumagen, Knödel und Schnitzel erwartet, wird enttäuscht. Laut Aussage eines Servierers - dem wir vorsorglich bei Eintritt vorlogen, nur ein paar Fotos schießen zu wollen, weil ich aus Deutschland komme und Hans hieße - stehen vor allem südamerikanische Grillspeisen auf der Speisekarte des Buffets. Aha. Dem interkulturellen Witz tut das natürlich keinen Abbruch.

Danach gingen wir noch ein wenig an einem der großen, innerstädtischen Seen spazieren. Dort stehen neben Kinderspielplatzgeräten wie Schaukeln und Leitern viele Trimm-Dich-Trainer zur Verfügung, die ich mit Freude ausprobierte:

Hier erreichte die Panda-Manie ihren vorläufigen Höhepunkt. Ein gutes Dutzend Kinder samt Erziehungsberechtigten tummelten sich auf dem Areal. Ein Mädchen fragte ihre Großmutter mit großen Augen: "Verstehst du, was der sagt?" Ein anderes rief, als wir gerade gehen wollten und direkt an ihr und ihrer Mutter vorbei liefen: "Ma ma, ni kan wai guo ren!" (Mama guck, ein Ausländer!) Es zeigte dabei mit dem Finger auf mich. Kai und ich lachten und lachten.

Mittags speisten wir in einem Sezuaner Restaurant in einer Nebengasse des vorhin beschrieben Einkaufszentrums. Dort waren wir die einzigen Gäste, weshalb die beiden Besitzer desto freundlicher waren. Wir tauschten unsere Zigaretten und sie lobten meine wirklich ordentliche Stäbchenhandhabung beim Essen. Auch forderte man ein Foto mit mir. Warum ich das eigentlich schreibe ist jedoch dem folgenden Umstand geschuldet: In Erwartung eines Resteessens am Abend bei Schwager und Schwester gönnten wir uns in den Mittagsstunden den vielleichten letzten Ausflug in die Sezuaner Küche. Kais Eltern haben für derart scharfes Essen wenig übrig. (Aber auch unsere Münder brannten.) Doch einmal mehr irrten wir uns. Da Yitong an einer kleinen Erkältung laboriert und daher früh schlafen muss, gingen wir bereits um 17 Uhr und damit zu Krankenhausessenszeit in ein neuerliches Restaurant. Koreanische Grillküche! Wirklich lecker, aber des Guten einfach zu viel. Wie Kai zwischen den zwei Mahlzeiten daheim rund 100 Sonnenblumenkerne in sich reinschaufeln konnte und nicht nur sie, sondern auch ihre nicht weniger - sagen wir mal - nahrungsaffinen Verwandten vergleichsweise schlank bleiben können, wird mir wohl immer ein Geheimnis bleiben. Zum Tagesende noch ein Bild von Kai und ihrem lieben, humorvollen und bis in die Haarspitzen gechillten Vater:

(Daddy Cool)

 

Tag 10: Arcade-Freuden

Ein ruhiger, aber nicht langweiliger Tag liegt hinter uns. Zunächst jedoch eine knappe Rekapitulation der letzten Tage und meiner paranoiden Auswüchse: Es ist jetzt wirklich alles in absolut bester, nach Superlativen strebender Ordnung. Abgesehen von der furchbaren Kälte der ersten Nacht kann ich schon nach zwei bis drei Tagen Abstand darüber lachen. Allein die geballte Flut des Neuen hat mich (aber wie gesagt auch Kai) überfordert, nicht die einzelnen Aspekte für sich genommen. Kais Familie ist bis ins Mark nett, zuvorkommend, neugierig, interessiert - und das alles ungekünstelt, wie Kai mir versichert.

Nun zum Tagesablauf. Da wir zum ersten Mal frei von jeder Verpflichtung in den Tag starteten, brachen wir erst gegen 10 Uhr auf. Unser erstes Ziel war die Daqinger Zentralbibliothek, in der sich Kai einen Leseausweis austellen ließ. Hier möchte sie in den kommenden Monaten arbeiten. Ich durfte die Räumlichkeiten zwar nicht betreten (die Empfangsdame meinte, sie könne meinen Pass mangels Sprachkenntnissen ja nicht verifizieren). Darauf legte ich jedoch ohnein keinen großen Wert. Dabei nimmt sich das Bauwerk monumental aus, spielt mit Glasinstallationen und klassischen Elementen und ist moderner ausgerüstet, als alle anderen Bibliotheken, die ich bis dato gesehen habe.

Danach fuhren wir zu einem weiteren Einkaufszentrum. Dort, so hatte uns der Schwager gesteckt, gäbe es eine Spielhalle mit vielen Arcade-Automaten, wie man sie von Italienurlauben aus Kindertagen kennt. Da diese in Deutschland seit jeher verboten sind, wollte ich mal wieder eine solche besuchen.

Zunächst gingen wir jedoch in den Supermarkt des Mega-Kaufhauses im Erdgeschoss. Auch in Daqing gibt es vereinzelt deutsches Bier. Jedoch nicht die Marken, wie wir sie in ihrer Ausprägung gewohnt sind, sondern irgendwelche Faksimile wie etwa "Weidmann's original Bavarian beer".

(Deutsche Stereotype feiern die Leberzirrhose)

 

Für Bier waren wir jedoch nicht gekommen (das kann man fast wie in Berlin an jeder Ecke erstehen,wenn man will). Unser eigentliches Ziel fanden wir, wie der Schwager prophezeit hatte, im 2. Stock:

Verschiedene Spielautomaten, digitale wie analoge, für Kinder ausgerichtete und Baller-Blut-Orgien, standen hier dicht gedrängt. Ich wechselte 30 Yuan in Coins um und ließ mich treiben. Basketball-Korb-Werfen auf Zeit, ein Gradius-Clon (siehe Bild) und Hau-den-Lukas probierte ich aus. Zu zweit spielten wir einen Automaten, bei dem man mit echtem Wasser auf einen Touchscreen schießt, um kleine Feuerteufel-Sprites zu löschen. Ein großer Spaß, wobei man auch in China merkt, dass die Zeit der Arcades vorbei ist. Wenn wir Samstag oder Sonntag nicht mehr wissen, was wir tun können, bietet der "Super Players Ground" jedoch eine willkommene Abwechslung.

Danach aßen wir Sezuaner-Art im unfassbar großen Food-Court des Kaufhauses. Wo in Deutschland verschiedene internationale Küchen (italienisch, chinesisch, griechisch, spanisch, deutsch, amerikanisch) um Gäste wetteifern, bestehen Fressmeilen in China - mit Ausnahme der Ami-Ketten KFC, McDonalds und Burger King - aus den verschiedenen Küchen des chinesischen Festlandes.

Nach dem Schmaus schlug ich Kai vor, uns für 45 Minuten zu trennen. Sie wollte für Yitong nach einer Kleinigkeit Ausschau halten. Ich wollte ausprobieren, wie es ist, in einer Stadt ohne Westler (aber mit westlichem Einfluss) durch die Einkaufsmeile zu flanieren.

(Eine der vielen Einkaufsstraßen von Daqing)

Ich will mein "Ich-bin-ein-Panda,-wie-geil-ist-das-denn???"-Gehabe nicht überstrapazieren. Mit offenem Mund an mir vorbeilaufende, mich anstarrende Kinder, überraschtschockierte VerkäuferInnen und all die Taxi-Fahrer, die sich ungläubig nach hinten beugen und Kai fragen, wo ich herkäme, nähren jedoch den Eindruck. So auch in einem Süßigkeitenladen, der auf dem obigen Foto unterhalb der zweiten (blauen) Tafel von rechts zu sehen ist. Die beiden chinesischen Miezi-Mausis schauten erstmal verblüfft, murmelten ein "Ni hao", direkt gefolgt von einem schwer verständlichen "Excuse me"(?). Ich schaute mich um, ging tiefer in den Laden, in dem sich ein Kinderparadies anschloss, drehte mich um und fand eine der Verkäuferinnen lachend unter dem Tresen wieder. "Are you alright?" Sie winkten nur ab, kicherten weiter, ich verlangte via Handzeichen eine Flasche Wasser und ging. Wirklich mega lustig.

Am Abend dann wieder ein opulentes Mahl mit Eltern, Schwester, Schwager und Yitong. Schaut euch das an:

Acht Platten standen zu diesem Zeitpunkt auf dem Tisch. In der Annahme, dass nach der achten der letzte Teller serviert worden sei, knipste ich eifrig. Danach gab der Akku seinen Geist auf, weshalb ich die noch folgenden zwei weiteren Speisen nicht fotographisch festhalten konnte. Bei derlei Essen bleibt eigentlich immer locker die Hälfte übrig. Alleine fünf Stücke der traditionellen chinesischen Speise "Jiao Zi" (sowas wie Maultaschen) machen für gewöhnlich satt. Der goldgelbe Teller in der oberen Mitte links trägt übrigens "chinesische Pommes": Süßkartoffeln, frittiert in einer Eigelbmarinade. Gar nicht schlecht.

Man muss zudem die übertriebene Vielfalt der chinesischen Esskultur dahingehend relativieren, als dass alle übrig gelassen Speisen in Plastikfolie eingepackt mit nach Hause und an den Folgetagen gegessen werden. So hat man auch dann die Auswahl zwischen verschiedenen Speisen und muss sich nicht mit einem Pfund gegrilltem Fleisch (Schnitzel) oder zwei Kilo Stärkepampe mit Soße (Spaghetti) begnügen. Obwohl ich viel esse und immer satt werde, fühle ich mich nie übersättigt oder gar unwohl. Wenn mir zwei oder drei Speisen nicht zusagen, nehme ich eben von den anderen Tellern und überlasse den Mitessenden den Rest. Eine win-win-Situation für alle mit Vorbildfunktion.

 

Tag 9: Nastrovje und Perestroika

Das Mittagessen mit den Verwandten war so schlecht nicht. Was am Feuertopfessen spaßig sein soll ist mir zwar schleierhaft. Ich mag auch Raclet und Fondue nicht: Essen zum selbst Zusammenschrauben ist irgendwie dämlich, aber Geschmackssache. Bier und Schnaps indes flossen mal wieder in Strömen (Nationalfeiertag und so). Als Deutscher kann man chinesisches Bier wie Wasser saufen, da es in ungefähr den Alkoholgehalt eines dünnen Radlers besitzt und wässrig schmeckt. Nach 3 Bieren sollte aber beim Mittagessen doch ein Schlussstrich gezogen werden. Der Harbiner Onkel wollte jedoch gerne mit einem Prosit auf meine Ankunft in der Familie anstoßen. Viertes Bier.

Danach initiierte ich unseren ersten echten Freigang. Wir durften direkt nach dem Essen in die Stadt aufbrechen, selbst mit dem Taxi fahren, die Stadt erkunden. Leider war ich nun ordentlich angeprallt. Auf Anraten der Verwandten sollten wir das berühmte Öl-Museum von Daqing ansteuern. Ich habe ein Foto davon gemacht, wir waren auch eine halbe Stunde drinnen (Eintritt war frei, aber die Öffnungszeit war zu Ende). Aber dafür Kilobyte opfern lohnt sich nicht. Wer sozialistische Prestigebaupropaganda sehen möchte soll einfach "Ölmuseum Daqing" googlen.

Bevor ich zum Entern des Museums jedoch bereit war, mussten wir im daneben gelegen Riesen-Einkaufszentrum erstmal ein Urinal aufsuchen und Kaffee tanken. Die Mall ist auf dem Bild rechts zu sehen.

Im darin vertretenen Burger King gab es günstig Kaffee. Während ich auf dem Hocker kauernd meinen Rausch bekämpfte, sprach mich plötzlich von hinten ein junger Mann an, der wohl seine Freundin ausführte: "Excuse me, where are you from?" Ich kann diese Frage auf Chinesisch beantworten und tat dies auch voller Stolz ("Wo lai zi deguo"). Ich stieß auf Unverständnis. Seine Antwort: "Sorry, my English is not that good". :D Okay, dann eben Germany. Kai kam mit ihrem Kaffee zurück und ich erzählte ihr von der Begegnung. Ich bin ein Panda: selten und exotisch. Einen Westler habe ich hier noch nicht gesehen. In Lokalitäten drehen sich die Leute unentwegt um, schauen skeptisch bis überrascht. Das finde ich aber cool, damit war zu rechnen. Meine "blonden" Haare wollte leider noch keiner anfassen, so wie es in Reiseberichten um die Jahrtausendwende häufig von westlichen Touristen berichtet wird.

Jedenfalls hatte sich das Paar einen Heliumluftballon gekauft. Diesen sah Kai (denn die Figur war niemand geringes als Spongebob) und ich sang den Titelsong auf Chinesisch: "Hai mian bao bao" (Schwammliebchen). Kai fragte die beiden, wo sie ihn gekauft haben (direkt vor dem Kaufhaus). Sekundenbruchteile, nachdem Kai wieder ihren Platz eingenommen hatte, boten sie mir den Ballon als Gastgeschenk an. "So we are friends now", kommentierte der junge Chinese. Selbstredend gibt es von dieser denkwürdigen Zusammenkunft ein Lichtbild:

 

(Ich bin jetzt ein Panda; obwohl ich sehr sparsam dreinschaue, ist meine Freude darüber aufrichtig und frei von Ironie)

 

Wir kauften Yitong einen zweiten Ballon, gingen kurz in das besagte Museum, in einen Park und hingen anschließend über eine Stunde in einem auf Wiener-Kaffeehauskultur getrimmten Cafe rum. Zum Abschluss: Abendessen bei Schwester und Schwager, Ballonübergabe Yitong:

Sie konnte davon gar nicht genug bekommen. Herzallerliebst!

Nun gut, das Beste zum Schluss: die Eltern machten ihr Versprechen wahr und überließen uns ihre Wohnung. Das ist insofern nicht ungewöhnlich, als dass sie ohnehin 3/4 der Zeit bei Yitong verbringen, um deren Eltern zu entlasten. (Die beiden Appartements liegen auch nur 10 Minuten mit dem Bus entfernt.) Nett ist es trotzdem und ein großer Vertrauensbeweis. Wirklich spannend ist der Trip noch immer nicht, was schon alleine daran erkenntlich werden dürfte, wie viel "Mühe" und Zeit ich in den heutigen Beitrag investiert habe. Aber lieber Langeweile in Freiheit als kontrollierte Betriebsamkeit. Für morgen planen wir einen Ausflug in die Daqinger Nationalbibliothek. Zudem ist es nun viel wärmer, auch das Wasser fließt wieder. Es ist also wirklich alles tutti.

 

Morgen, Tag 9: Nachtrag Bilder von gestern

 

Nach dem Aufstehen waren die Eltern plötzlich fort. Da Kai vor dem schlafengehen mit Hilfe ihrer Schwester mehr Freiheiten für uns durchgesetzt hat, befürchtete sie, dass ihre Eltern wortlos aus Zorn verschwunden seien. Weit gefehlt. Sie besorgten mir eine lange Unterhose und verließen die Wohnung kurz darauf wieder. Wir kommen jetzt eigenständig zu ihrer Schwester nach. Ein kleines Wunder.

Dafür ist das Wasser heute morgen ausgefallen. Der zentrale Versorger drosselte die Zufuhr. Damit war jedoch zu rechnen, sowas schockiert mich eher weniger. Wir haben uns an einen absurden Lebensstandard in Mitteleuropa gewöhnt, für den man dankbar sein muss. Am ostsibirischen Rand der Welt ist die Lage eben etwas anders. Sorgen macht mir nur, vor der Abreise am Montag und damit über 40 Stunden nicht duschen zu können. Meine armen Mitreisenden... Da fällt mir übrigens ein, dass sich Matthias bis zum heutigen Tag nicht bei mir gemeldet hat. Er hat mir angeboten, mich am Flughafen abzuholen. Vielleicht kann einer von euch ja mal seine Schwester via Facebook kontaktieren. Sie hatte mir vor der Abreise eigentlich versichert, Matthias daran zu erinnern.

Da ich gestern keine und vorgestern keine Bilder der Umgebung hochgeladen habe, hole ich das jetzt schon am frühen Morgen nach. Vielen dank für all die Mails an Kais chin. Adresse. Ich werde sie heute Abend beantworten. Heute steht ein Mittagessen mit irgendwelchen Verwandten auf dem Plan.

 

 

(Familienglück)

 

(Kindergarten; ein Wort geht um die Welt)

 

(Unser mediterranes Domizil)

 

(Hinterseite des obigen Hauses; absoluter Stadtrand mit Blick auf Flughafen)

 

(Hochhausschlucht reiht sich an Hochhausschlucht)

 

Tag 8: Scheißtag

Die Kacke ist jetzt wirklich am dampfen. Vom Klimawechsel ausgelaugt schleppte ich mich durch einen Tag voller familiärer Verpflichtungen. Die Phrase "Was möchtest du gerne machen?" ist im Chinesischen nicht bekannt. Eine in der Summe ihrer Einzelteile unfassbare Enge und Trägheit prägte den Tag. Kais Mutter kreist wie ein Trabant um uns. Mein Hals schmerzt bereits, wenigstens haben wir jetzt einen Heizlüfter im Zimmer. Da ich keine lange Unterhose habe, "verbietet" man uns den Freigang. Nachdem ich vorschlug, die lange Unterhose durch eine Jogginghose (unter der Jeans) zu ersetzen, substituierte sie die Warnung wenig später, nicht vor die Tür zu treten, durch den Hinweis auf ein Tötungsdelikt. Eine Daqingerin wurde enthauptet, ihr Kopf in Harbin entsorgt. Ein prima Argument, um uns auch in den nächsten Tagen das selbständige Erkunden der Stadt zu verbieten.

Doch die Krönung folgte heute Abend: Viele ausländische Seiten - vor allem all unsere Mailserver - sidn nicht mehr erreichbar. Vermutlich eine Folge der Proteste in Hongkong, ähnlich wie 2011. Mir geht der Arsch ordentlich auf Grundeis.

Mit Urlaub hat das ganze spätestens jetzt weniger als nichts zu tun. All die Einladerei und das geschenkte Geld würde ich gegen persönliche Freiheit liebend gerne eintauschen. Wenn ich morgen nicht mit einer Bronchitis ans Bett gekettet bin wird mich die unfassbare Tristesse niederstrecken. Ich schreibe mir das von der Leber frei, weil Kai meine Gedanken teilt und es ihr davor graust, gleich 3 Monate zu bleiben. Da ihre Eltern umgezogen sind (von Harbin nach Daqing) ist für sie die Umgebung und die Wohnung ebneso neu, wie für mich. Interessant ist, dass sie aber auch mit der chinesischen Lebensart fremdelt und mit dieser Überart der Bevormundung von allen Seiten nicht gerechnet hat.

Sollte ich diesen Blog gleich wirklich freischalten können, möchte ich noch anfügen: DANKE Beepworld, du kleiner, spießiger, piefiger, Web 0.1er, 90er Jahre-mäßiger Internetbaukastenanbieter. Gelb-Pinke Power! // Mir kommen fast die Tränen, es geht tatsächlich.

Über Kais chin. Email-Adresse sind wir noch erreichbar. Heute versendete Mails bitte nochmals dorthin schicken: schnee1987@163.com

 

Tag 7: Kulturschock

 

Frühstück, Auschecken, mit Onkel und Tante zum Flughafen, Klaustrophobie plus Todesangst, Gedöns: alles wie erwartet.

Dann Landeanflug auf Daqing. Man kann noch so häufig lesen, dass es sich um eine Industriestadt handelt, diese sozialistisch geplant wurde und aufgrund der nah gelegenen Ölfelder erst in den letzten Jahren zur Großstadt (nach europäischen Maßstäben) aufstieg. Man ist doch schockiert ob der architektonischen Monotonie, der überall greifbaren Zweckmäßigkeit und der extrem kargen Natur.

Kais Eltern holten uns am Flughafen ab. Vorweg: Kais Familie – allen voran Yitong – ist absolut liebenswert. Interkulturelle Differenzen lassen sich durch reine Freundlichkeit natürlich nicht ausräumen. Wir leben nun in einer relativ kleinen Wohnung Wand an Wand mit Mutter und Vater. Es gibt keine Heizung – das Haus sei noch nicht ganz fertig (und – nicht vergessen – hier hat es derzeit nur 7 Grad am Tag). Die Dusche hängt unmittelbar oberhalb des Klosetts. Und so weiter und sofort.

Wir gingen essen, die Teller stapelten sich abermals auf dem viel zu kleinen Tisch. Kellnerinnen und Kellner waren in Rotgardistenanzüge getrachtet, überall Mao-Bilder und Schriftstücke. (Bilder unten)

Am Abend zog ich mit Kai vor die Tür, um ein bisschen Abstand und Privatsphäre von der ungewohnten Nähe zu ihren Eltern zu gewinnen. Dabei fanden wir recht schnell eine Billardkaschemme, die den Abend noch einigermaßen ordentlich abschloss. Gegenwärtig liegen wir im Bett und lassen unsere Hintern mehr schlecht als recht von einer Heizdecke wärmen.

Es ist mir nicht ganz klar, was ich hier eine komplette Woche zu tun haben soll. Aber – trotz allem Platzmangel – kann man Kais Familie nicht vorwerfen, unsere eigenen Vorstellungen gering zu schätzen. Gastfreundschaft wird groß geschrieben. Genau genommen zu groß. So machten mir Kais Eltern 2000 Yuan – umgerecht also fast 250 Euro – zum Geschenk. Warum? Das weiß Gott Mammon allein. Tradition und so, die nicht in Frage stellt, ob das Geld in ein anständiges Hotel nicht besser investiert worden wäre.

Fazit: Peking kann jeder. Daqing wird die wahre Herausforderung. Ich freue mich über jede Email und hoffe, in den nächsten Tagen weiter regelmäßig bloggen zu können. Mir behagt das Klima nicht. Wir sind innerhalb von eineinalb stunden klimatisch von Barcelona nach Helsinki gereist. Mir schwant übles.

 

(Die Junge Garde der Kellnerschaft)

(Fressen was das Zeug hält)

 

 

Tag 6: Von Enten, BBQs und Präzizionsartisten

Ein wirklich würdiger Abschluss für unsere sechstägige Pekingreise. Zunächst zog es uns zurück auf die bekannte Einkaufsstraße Wangfuqing. Dort erstanden wir für meinen Vater das Modellauto, das er sich gewünscht hat.

Danach ging es in das erwähnte Naherholungsgebiet. Mehrere Seen schlängeln sich wie angekettet durch das Stadtzentrum. Man kann kleine Entenboote mieten und per Pedal über die Wellen schippern. Extrem entspannend, gerade in einer Stadt wie Peking.

(Entenboot)

 

Mein letztes gewünschtes Reiseziel war ein ehemals typischer Pekinger Hutong, der heutzutage als touristischer Magnet fungiert. Nippes, Schaubuden, noch mehr Kinkerlitzchen, Süßigkeitenläden und natürlich unzählige Restaurants stehen zur Verfügung. Nirgendwo sonst habe ich in der Stadt so viele Westler gesehen. Kein Wunder also, dass sich Küche und Gewohnheiten den wandelnden Geldbörsen mit Blondschopf anpassten. Wie vor der Reise geplant wollte ich zumindest einmal die westliche Küche kosten, um herauszufinden, ob sie genauso weit von der „Echten“ entfernt ist, wie europäische China-Restaurants von der authentischen chinesischen Kulinarik.

Die Pizza war durchaus in Ordnung. Interessanter war zweierlei: Erstens die Handhabung der Chinesen mit Messer und Gabel (sie essen selbst große Fleischstücke lieber mit dem Löffel). Zweitens die große Bierauswahl des „Pass By“ – so der Name der Bar. 180 verschiedene Sorten erfreuen hier die Leber. Darunter auch fränkisches Rauchbier. Die Bamberger Pest ist wirklich überall.

 

(Bamberger Genozid)

 

Am Abend luden uns Onkel und Tante von Kai erneut zum Essen ein. Heute war auch ihr Sohn zurück. Er weilte die letzten Tage bei einem Turnier des beliebten chinesischen Brettspiels Go. Hierin zählt er zu den besten Spielern des gesamten Landes (und damit der Welt).

Gespeist wurde in einem BBQ-Restaurant. Das Wort opulent umschreibt nicht annähernd, wie viel Nahrung auf den Tisch geladen wurde. Neben der Lammkeule, die in der Mitte über einem Tischgrill thronte, galt es zwischen sieben Zusatzspeisen, Gurken, Mais und Brot zu wählen. Drei Biere spendierte der reiche Professor obendrein - allein für mich. Er selbst und sein Sohn tranken ebenso viel. Mein Magen, der sich noch vom gestrigen Feuertopf-Exodus erholen musste, schmerzt nun dezent.

 

(Chinesische Präzisionsroboter vor dem Vollzug [s.u.])

 

Damit des Spaßes noch nicht genug. In den Räumlichkeiten der Wohnanlage von Kais Verwandten gibt es eine handvoll Fitnessräume: Heimtrainer reihen sich hier an Tischtennisplatten und einige Billardtische. Da Kai es sich nicht verkneifen konnte, über meine Billard-Passion zu plaudern, entschied der Onkel, dass es an der Zeit für ein Duell Deutschland gegen China sei. Zunächst musste ich gegen seinen Sohn parieren.

Er zog mich mit 4:0 glatt über den extrem schnellen und gepflegten Tisch. Klingt deutlich, war es dabei nicht unbedingt, aber doch ausreichend genug, als dass ich ordentlich frustriert war. (Und bin. Ich muss mehr trainieren!) Die zwei Spiele gegen den ebenso starken Onkel konnte ich zumindest für mich entscheiden. Unfassbar, wie stark die Chinesen in Präzisionsspielen auftrumpfen.

 

(11 Jahre Training werden im Handumdrehen zerstäubt - wenigstens wollten sie nicht Tischtennis spielen)

 

Bei der Verabschiedung passierten wir ein Regal mit ausgelegten Zeitschriften. Darunter ein Magazin, auf dessen Frontcover Dirk Nowitzki strahlte. Headline: „Im Auge des Sturms.“ Worum es genau geht, kann ich nicht sagen. Leider durfte ich die Zeitschrift nicht mitnehmen. Aber der Dirkster ist immer ein Foto wert. :*

 

 

Das war’s aus Peking. Nun geht es 1000 Kilometer nordwärts ins frostige Daqing. Nun wird es wirklich spanned.

 

Tag 5

Wie unschwer zu erkennen ist waren wir an, auf und teilweise in der großen Mauer. Jenes Teilstück, das wir für unseren Ausflug auserkoren hatten, befindet sich 60 Kilometer vor den Toren Pekings. Die allermeisten Touristen aus dem Ausland fahren mit Bussen zum Eingang. Kai hat vermittels ihrer Chinesischkenntnisse jedoch problemlos einen wesentlich bequemeren Pendlerzug herausgesucht, der unmittelbar vor dem Weltwunder Station macht. Dementsprechend wenige Ausländer waren im Zug, wohingegen es davon auf der Mauer (auf der Lauer) natürlich nur so wimmelte.

Längere Zugstrecken fahren ist in China gar nicht so schlecht. Trotz der großen Nachfrage ist das Ticketkontingent begrenzt, weshalb fast jeder einen Sitzplatz bekommt. Eng ist es bei den Stehgelegenheiten jedoch auch nicht. Ganz anders also als meine U-Bahn-Erfahrungen.

Bei der Mauer dann das erwartbare Programm: vom Eingang aus über mehrere Wachtürme hoch, kurz Wasser in sich reinschütten, dabei stets den Milliarden Fotoknipsern ausweichen und selbst viele Fotos schießen, schließlich mit der Seilbahn zum Fuße des Berges fahren. Dort stiegen wir in den Bus zum Bahnhof, verpassten jedoch unsere Haltestelle. Der Grund: von den 40 Leuten im Vehikel stiegen nur zwei aus - untypisch! Wir landeten kilometerweit entfernt bei der Fernbusstation. Kai war aufgelöst, rief unentwegt "Ich habe Dummerchen gemacht, Dummerchen gemacht."

Doch ein netter schwarzer Taxifahrer erlöste uns. Dicht gedrängt mit 8 anderen stiegen wir in den Kombi und ließen uns für 30 Yuan pro Kopf zurück nach Peking fahren (Nord, 6. Ring).

(Kais Dummerchen beschert ihr ein taubes rechtes Bein)

 

Von dort aus nahmen wir direkt eine S-Bahn und alles war tutti. So gesehen war das „Dummerchen“ eigentlich ein Glücksfall. Ganz im Gegensatz zum Feuertopf futtern mit Onkel und Tante. Die Schärfe erreicht hier wortwörtlich ihren Siedepunkt. Zudem bestellte der Onkel Unmengen Fleisch samt Innereien, die zusammen mit dem Grappa-artigen Reisschnaps eine böse Wirkung entfalteten.

Heute steht der letzte Tag in Peking an. Wir brechen gleich zur Seengruppe auf, die wir vorgestern wegen des Regens ausfallen lassen mussten.

 

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Game Day! An der großen Mauer? Geht ja wohl!

Bericht folgt. Jetzt gehts erstmal Feuertopf futtern.

 

Hier regiert der MTV! Wir brennen euer scheiß Dorf nieder!

Nachtrag: Das Bild entstand bei einem KFC im Einkaufszentrum Nahe des Nord-Bahnhofes, von dem aus unser Zug zur Mauer losfuhr. Wir mussten zwei Stunden warten, da wir die erste (von insgesamt nicht mehr als acht) Verbindungen an diesem Samstag verpasst hatten. Laut Kai geht es da tatsächlich um Music-Tele-Vision: das chinesische MTV.

 

Bitte ein Bit!

Nachtrag: Da gab es selbstredend kein Bitburger Bier. Einen Schnappschuss war dieser Anachronismus jedoch allemal wert. Um das zu verstehen muss man die imposante Landschaft zu beiden Seiten der Mauer gesehen haben. Wirklich ulkig.

 

Zwei Weltwunder auf einem Bild: Fabius an der großen Mauer

 

 

Tag 4

Spiritualität stand heute auf der Tagesordnungsliste. Wir besuchten den Lama- und Konfuzius-Tempel im nördlichen Zentrum der Multimillionenmetropole. Vor den buddhistischen Statuen des ersten Tempels stifteten die Gläubigen (und die sich dafür halten) Räucherstäbchen. Der gesamte Bereich roch danach. Dafür war die Ruhe angenehm: vor den Toren die typische innerstädtische Lärmkulisse samt Abgasen (derzeit herrschen in Peking Umwelt- und Smogwarnungen). Drinnen eine fast ungewohnte Besinnlichkeit. Der Lama-Tempel wurde von weitaus mehr Touristen besucht als der Konfuzius-Tempel, der zudem mit historischen und philosophie-geschichtlichen Kleinaustellungen punktete. Dort waren kaum Menschen, obwohl das Areal größer und die Architektur nicht weniger beeindruckend ist.

Nach dem Ausflug in das religiöse Herz der Stadt wollten wir zum Seenkomplex Bei Hai. Dort laden viele Restaurants, Kneipen und Läden zum bummeln ein und bieten ein "Naherholungsgebiet" direkt im Zentrum. Sagt der Reiseführer. Leider setzte ein heftiger Platzregen ein, sobald wir die nächst nähere U-Bahn-Station verlassen hatten. Wir "retteten" uns in einen der für Peking typischen Hotungs (kleine, enge Innenstadtstraßen im klassischen Stil des vormodernen Pekings) und aßen in einem Restaurant, das die Küche aus Kais nordostechinesischer Heimat feilbot.

Ich muss kaum noch erwähnen, was für ein Gaumenschmaus das war. Überraschend nahm sich jedoch die Tatsache aus, dass das Restaurant in keinem noblen Edelviertel gelegen oder mit pompöser Inneneinreichtung glänzte (wie unsere bisherigen Domizile), sondern in einem waschechten Hinterhof lag. Der Qualität des Essens tat das keinen Abbruch. Ich kann mir kaum vorstellen, ohne auszukommen.

Morgen fahren wir zur Großen Mauer. Und Montag geht es bereits weiter nach Daqing - zu Kais Eltern in die "Provinz" (die Stadt hat nur eine Millionen Einwohner und gilt das Ölfördergebiet).

Fast vergessen: Zwischen den beiden Tempeln entdeckten wir ein kleines, sehr, sehr abgelegenes Teehaus. Ich - selbst kein großer Teetrinker - wollte auch diese Erfahrung mal mitnehmen und lud Kai dazu ein, dort kurz zu rasten. Das Ambiente war zum Kotzen schön, der Tee durchaus angenehm und wohlig. 40, 50 Yuan hätte ich für die Kanne gerne bezahlt (ein gutes Essen mit drei Gängen + Getränken kann man für unter 100 Yuan erstehen). Nun gut, sie verlangten 120 chinesische Peseten.

Tag 3

Geschichtsstunde: Die letzte Kaiserin der Qing-Dynastie war eine ganz besondere Dame. Da ihr die schwüle Hitze der Pekinger Sommermonate nicht behagte, befehligte sie ihr Volk mit dem Bau einer Parkanlage nebst See außerhalb der Stadt. Auch ein Tempel war geplant – die Kaiserin war sehr gläubig. Da dieser nach den Lehren des Feng Shui jedoch nur mit einem Berg im Rücken über die nötige Weihe verfügte, wurde ein Berg künstlich angelegt. Die so entstandene Grube konnte sodann für den ebenfalls geplanten See verwendet werden.

Das ist mit Sicherheit zur Hälfte aufgrund der verschiedenen Quellen, die ich lose gesammelt habe, falsch dargestellt. Beeindruckend ist die Anlage des Sommerpalastes nichtsdestotrotz. Außerhalb des Naherholungsgebietes bräselt es indes an allen Ecken und Enden. Geradezu surreal erschien daher folgender Panda aus dem Morast:

Am Abend besuchten wir das ehemalige Olympia-Areal. Sozialistische Gigantomanie und Weitläufigkeit paaren sich hier mit fliegenden Händlern und freundlichen Bierfeilbietern.

 

Tag 2

Auf dem Programm standen heute der Platz des Himmlischen Friedens, die Verbotene Stadt, ein kurzer Abstecher in die Pekinger Altstadt um das kaiserliche Areal und ein Bummel über die berühmte Einkaufsstraße Wangfujing.

Neben den konstrastreichen Eindrücken zwischen altem und modernem, bettelarmem und neureichem China, beeindruckt mich vor allem das Essen. Die Reise entwickelt sich mehr und mehr zu einem kulinarischen Traumtrip. Pekingnudeln mit Soße, Gemüse, Bohnen und Nüssen, dazu Blattspinat in Essig: klingt total profan, schmeckt durch die besonderen Zubereitungsarten und die landestypischen Zutaten jedoch himmlisch. Das Abendessen hat dem ganzen die Krone aufgesetzt. Die Sezuaner Küche trumpft durch ihre unfassbare Schärfe.

U- und S-Bahnfahrten sind so, wie man es dank Film und Fernsehen geahnt hat. Eng, stickig, chaotisch. Hinzu kommt, dass Peking städteplanerisch eine Katastrophe darstellt. Durch die weitläufige Bauweise und die infrastrukturelle Verbreiterung der Straßen erstreckt sich Peking extrem weitläufig bis in die Peripherie. Touristische Knotenpunkte sind kaum untereinander vernetzt. Um in die Innenstadt zu gelangen mussten wir viermal umsteigen, wobei jeweils nur zwei bis drei Stationen zu fahren sind. Im Sinne der sozialistischen Mobilitätsgarantie kostet die Fahrt – egal wie lange – jedoch stets nur 2 Yuan und damit keine 30 Cent.

(Wer nicht?)

 

Das Bild des Tages entstand in einem typischen Nippesladen. Eigentlich hatte Obama (rechts zu sehen) mit seinem "Oba Mao"-Shirt mein Interesse geweckt (habe es übrigens auch gekauft.) Doch wer würde nicht gerne mit einer fellatiösen Liebeserklärung auf der Brust durch die Straßen laufen? Ob das ein geplanter kontrafaktualer Gag sein soll oder wirklich ernst gemeint ist, ist nicht verbrieft.

 

Tag 1:

Der Flug spottete jeder Beschreibung. Es wird mir womöglich immer verschlossen bleiben, warum Menschen diese Tortur auf sich nehmen. Wenn man nicht gerade in Turbulenzen durchgerüttelt wird, macht einem die Klaustrophobie zu schaffen. Ich hatte in Kleinwagen auf Auswärtsfahrten mehr Beinfreiheit und die drei Japaner, die vor uns so freundlich waren die Rückenlehne ordentlich nach hinten zu kippen, waren da auch keine Hilfe.

 

Davon abgesehen bin ich geflasht. Kais Onkel und Tante sind überaus freundlich, haben uns vom Flughafen abgeholt und zum Hotel gefahren, wodurch ich die berühmte chinesische Fahrweise am eigenen Leib erfahren durfte. Crazy Taxi ist nichts dagegen, herrlich! Am Abend luden sie uns zum opulenten Mahl in eine für ihre Peking Ente berühmte Restaurantkette ein. Köstlich!

 

Absoluter Höhepunkt des ersten Tages war jedoch unser Ausflug in den Supermarkt gleich neben dem Hotel. Wasser, Cola Zero und Bier standen auf der Einkaufsliste. Ich erstand auch zwei interessante chinesische Hopfendosen. Bei den ausländischen Biersorten (Tuborg, Heineken, Budweiser, Warsteiner) war ich dann aber doch dezent überrascht.

Das ist krank, einfach nur krank. Und die Auswahl war nicht übermäßig groß, der Supermarkt wirklich der erstbeste. In diesem Sinn: Gambei!

Nachtrag: Die Bundesliga-Zusammenfassung (gerade läuft Hannover-Paderborn) auf CCTV ist auch nicht schlecht.

Tag 0:

 

Nach der gewohnt entwürdigenden Flughafenkontrolle, der umfangreichen Erfassung sämlicher biometrischer, persönlicher und flugbezogener Daten warten wir voll innener Ruhe und Selbstzufriedenheit auf das Boarding.

 



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